Das Anwaltshaus am Rhein

Vergleichsreue vs. Anwaltsregress

 veröffentlicht in: FuR 2015, 193 ff.

I. Die Dekristallisation der Liebe und der Anwalt

Mit »schwierigen« Mandanten sehen wir uns immer wieder konfrontiert. Von uns zu bewältigende Konfliktsituationen – Alberstötter spricht in diesem Zusammenhang nicht nur von der »Not der sich trennenden Paare«, sondern auch von der »Not der professionellen Akteure« – erleben wir zwar nicht nur in der familiengerichtlichen, sondern häufig auch in der arbeits- und gesellschaftsrechtlichen Praxis, also überall dort, wo persönlich geprägte Auseinandersetzungen mit hohem Emotionspotential einhergehen. Allen diesen Kon­flikten ist gemeinsam, dass bei ihnen machtvolle Gefühle auftreten, deren wesentliche Ursache im Verlust einstmals bestandenen Vertrauens begründet liegt.

Eine »Überlagerung« der dem Anwalt übertragenen Rechts­beratungs- und Vertretungsebene durch starke Emotionen erleben wir aber nirgendwo so sehr wie im familienge­richtlichen Verfahren: Denn dort steht im Vordergrund des erteilten Mandats in aller Regel eine gescheiterte Partner­schaft, deren Lebens­partner sich in einem hoch emotionali­sierten und sie (auf)zehrenden Trennungs- und Scheidungs­konflikt befin­den, dem die Anwaltschaft mangels Verfüg­barkeit des zur Situationsbe­wältigung erforderlichen Instru­mentariums vielfach mit Ohn­macht gegenübersteht. Diese Ohnmacht verstärkt sich, wenn der/die um Streitbeilegung bemühte Anwalt/Anwältin sich vom Mandanten später sagen lassen muss, dass der vor dem FamG abgeschlossene (Scheidungsfolgen-) Vergleich seine Interessen in nicht angemessener Weise berücksichtige, er insb. mit einer streitigen Entscheidung heute besser dastünde als mit dem Vergleich, der ihm nahegelegt oder gar aufgedrängt und über dessen Trag­weite und Bedeutung für seine künftige Lebenssituation er – wenn überhaupt – nur unzulänglich aufgeklärt worden sei.

Der anfänglich bestandene und häufig noch lange schwe­lende Paar­konflikt wird dann i.R.d. Mandats wei­terge­führt und mündet in ein reichlich kurioses Ergebnis: Der Anwalt soll im Wege der Stellvertreterhaftung in die Fußstapfen des ande­ren Partners treten und regresshalber Kompensa­tionsleistungen für das erbringen, was ihm auf der Paarebene zu lösen vermeintlich nicht gelungen ist. Derje­nige, der dies für eine Übertreibung hält, sei darauf hinge­wiesen, dass in der Statistik der Vermögenshaftpflichtversi­cherer die Konstellation »Schadensersatz als Kompensation angeblich anwaltlicher Fehlleistungen beim Vergleichsab­schluss« an 2. Stelle aller Schadensfälle steht.